Ich bin die Letzte…

„Scheiße ist das kalt heute!“ sagt die Kollegin als wir zusammen auf dem Schulhof stehen und sofort scheint sie ein schlechtes Gewissen zu haben. „Nein, nein, so kalt ist es ja gar nicht. Es liegt ja noch nicht einmal Schnee und laut Wetterbericht ist auch keiner im Anflug!“ wir lachen und insgeheim überlege ich, ob ich ihr morgen früh nicht eine kleine Waldspinne in den Klassenraum setze. Natürlich ist das nur ein Gedanke, den ich ihr dann auch gleich erzähle und wieder lachen wir.

Dann ist es plötzlich 14:00h und die Kollegin scheucht mich vom Schulgelände. Dankbar winke ich ihr zu, denn heute habe ich ein sehr enges Zeitfenster und da sind 10 Minuten extra, quasi eine halbe Ewigkeit. Ungesehen von meinen Schülern flitze ich zum Auto und bin froh, dass ich dem großen Abschiedsszenario heute ausnahmsweise entwischen konnte.  10 Minuten vor der Zeit komme ich an und springe mitten auf dem Parkplatz in die  andere Hose, andere Schuhe und die Jacke.

Während der Typ noch ganz ungläubig schaut, schließe ich bereits das Auto ab und hechte über den Parkplatz, um  auf die Minute genau in der Fahrschule an zu kommen. Heute steht die Autobahnfahrt auf dem Programm und obwohl ich (inzwischen wie man fairer Weise schreiben muss) total gerne auf der Autobahn unterwegs bin, graut es mich heute ein wenig davor. Nicht vor dem Fahren an sich, da habe ich vollstes Vertrauen in meinen Fahrlehrer, denn dieser würde mich nicht auf die Autobahn lassen, wenn er auch nur den geringsten Zweifel hätte.
Nein, mein Angst ist ganz anderer Natur. Seit Tagen beobachte ich ängstlich das Wetter im Internet und hoffe zumindest auf Trockenheit, denn Fahrstunden, bei denen ich nass bis auf den Schlüppi war hatte ich nun schon zur Genüge.

Beginn um 14:30h, das Wetter hält und obwohl es recht verhangen am Himmel zugeht, scheint es so, als ob es trocken bleiben würde. Immerhin. Nach ein paar Einfahrübungen in Punkto Grundfahrübungen, wird das weitere Vorgehen besprochen, wichtige Dinge wiederholt und *schwupp* finde ich mich auf der Stadtautobahn wieder. Kein Problem, die kenne ich schließlich inzwischen wie meine Westentasche. Einfädeln, Überholen, Einfädeln… Alles kein Problem.

Dann hört er auf, der sichere 60er Bereich, mit dem ich mich schnell angefreundet hatte und es beginnt die offene Strecke. *Klatsch* und ich habe ein riesiges Herbstblatt auf dem Visier. ‚Ganz schön dunkel, der Herbst.‘ denke ich noch und schon ist es wieder weg und ich kann wieder sehen. Von Vorteil, wenn man inzwischen schon knapp 100 km/h fährt. ‚Verdammt, hatten wir abgesprochen, wie schnell ich jetzt fahren SOLLTE?‘ schießt es mir plötzlich durch den Kopf und nicht zum ersten Mal während meiner Motorradausbildung könnte ich mich über die einseitige Kommunikation grün ärgern. Schließlich entscheide ich mich für Tempo 130, immerhin muss ich ja so fahren, dass mein Fahrlehrer hinter mir im Auto noch mithalten kann und außerdem wird er schon was sagen, wenn er es schneller haben möchte.

Ich bin heilfroh, dass er nichts diesbezüglich sagt, denn ich habe das Gefühl durch einen Hurrikan zu sausen. Der Wind ist unglaublich stark und versucht mich von links nach rechts und hin und her zu reißen, was ich durch Balance und vollem Einsatz meiner verkümmerten Muskeln versuche zu verhindern. Zum Glück gelingt es mir, doch auch Überholvorgänge und die damit einher gehenden Schulterblicke haben es in sich, denn sobald ich den Kopf ein wenig drehe, habe ich das Gefühl, der Gegenwind will ihn mir abschrauben und als Souvenir mit nach Oz nehmen. Doch was muss, das muss. Sicherheit geht vor. Fuck, morgen werde ich Muskelkater wie schon lange nicht mehr haben. Überall…

Nach anderthalb Stunden soll ich auf einen Rastplatz fahren. Waha… Ich sterbe jetzt schon!!! Ein bisschen fühlt es sich an, als würden Arme und Beine nicht mehr in ihre natürliche Haltung finden, doch dann geht es doch und ich hopse ein wenig auf und ab. Kalt ist es eigentlich nicht. Zumindest nicht am Körper oder an den Beinen. Dafür spüre ich aber plötzlich das kribbeln in den Füßen. So wie damals, wenn man nach Stunden auf dem Rodelberg in Richtung Heimat läuft und auf einmal merkt, dass man eiskalte Füße hat. Ich dürfte mich ins geheizte Auto setzen um mich aufzuwärmen, doch das will ich nicht. Falscher Stolz, oder einfach nur der Wunsch, schnell weiter und durchziehen? Man weiß es nicht.

Auf dem Rückweg sind sie natürlich die ganze Zeit präsent, die kalten Füße und auch die Hände beginnen langsam aber sicher, sich der Außentemperatur von immerhin 8C° anzugleichen. Ich beiße mir auf die Lippen, schaue auf die Uhr und halte durch. Noch 80km, so verspricht es mir das Schild, an dem ich vorbei fahre. Naja, die schaffe ich jetzt auch noch!

Zurück in der Fahrschule erwarten mich tröstende Worte wie „Naja, immerhin haste keine toten Brummer auf dem Visier!“ Ja, super! Ich wusste, dass er einen positiven Aspekt geben würde, wenn man bei gefühlten -20C° auf der Autobahn unterwegs ist.

Ich hole meine Familie im Elterncafè ab. Ein Stück Kuchen und eine warme Suppe erwarten mich bereits. Unter dem Tisch wärme ich meine Zehen an den vermeintlich warmen Bodenfliesen, die alle anderen als recht kalt empfinden. „Das schaffe ich nicht nochmal!“ jammere ich dem Schatz in die Ohren und bekomme von einer Bekannten den Tipp, dass es gerade super warme Thermosocken beim Discounter um die Ecke gibt. HURRA!

Nachdem die Kinder dann im Bett liegen, raffe ich mich mit letzter Kraft noch einmal auf, um mich für die Überlandfahrt zu rüsten. Dabei erbeute ich nicht nur Socken und Strümpfe, sondern auch ganz ominöse Fusswärmer. Jedes Mittel ist mir recht und so wandern auch diese in den Wagen. Immerhin dauert das ganze in der nächsten Woche noch mal eine ganze Stunde länger…

Tja und nun sitze ich hier, inzwischen wieder halbwegs auf Normaltemperatur und verstehe nun auch, wieso mein Fahrlehrer meinte, dass es nur sehr wenige gibt, die ihre Prüfung zum Ende des Jahres machen. Ich bin in meiner Fahrschule die letzte in diesem Jahr und bei allem was warm und kuschlig ist: wenn der Prüfungstermin nicht schon stünde, ich würde es verlegen…

Nun werde ich mich in meine warme Wanne legen mit einem Muskelentspannungsbad oder so und dann zackzack ins warme Bettchen…

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2 Gedanken zu “Ich bin die Letzte…

  1. Weißt du was? Der Held hatte damals seine Motorradprüfung bei Schnee und Eis und hätte sich auch fast gepackt. Der Prüfer war da wohl aber sehr verständnisvoll und entgegenkommend ^^ Muah, das wäre ja alles sowas von gaaaaaar nix für mich ^^

    • Bei Eis und Schnee wird es keine Prüfung geben nach Angaben des Prüfers… Mein Schatz hatte auch Ende November Prüfung und musste mit Eis kämpfen… Begeistert bin ich nicht und grausen tut es mir auch schon…

Mäh mal wieder

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