Hundekind

„Ich habe doch gar keine Ahnung, auf was ich alles achten muss!“ bettelte sie damals am Telefon und überzeugte mich damit, mir mit ihr zusammen einen Welpen anzusehen. „Ich geh nur gucken, ich nehme keinen mit!“ sagte ich zu meinem damaligen Freund und war mir meiner Sache ganz sicher. Merkwürdig kam mir die Ansprache und die versuchten Überredungskünste des Kerls hingegen vor, der wirklich jegliches Argument FÜR einen Hund ausgrub, dass es nur geben könnte. Doch ich wollte nicht…

Tja und dann saßen wir da, in dieser komisch riechenden Wohnung auf dem Boden und auf dem Schoß hatte ich eine kleine, quirlige, schwarze Fellkugel. Den sollte sie nehmen, ganz unbedingt! Der kleine Kerl machte einen super Eindruck, und sah mit seinen riesigen Augen einfach nur zum klauen aus.

Doch sie entschied sich für das Weibchen und obwohl ich dagegen war, ließ sie sich nicht davon abbringen und so waren wir schon fast am gehen, als mich dieser Mikrowelpe anschaute und es mir schier das Herz zerreißen wollte, ihn dort zu lassen. Der Mann der Freundin, der nur als Fahrer dienen sollte, fungierte letztlich als meine private Bank und so saß ich dann im Auto, in der Winterjacke einen kleinen Hund, der nicht aufhören wollte mich zu ab zu schlabbern und fragte mich, wie ich das nun bewerkstelligen sollte, während ich ihm in Gedanken schon den Namen „Balou“ gab.

Er sollte nicht mit ins Bett, das wollte ich nicht. Doch schon in der ersten Nacht lag er vor der Schlafzimmertür und verstand überhaupt nicht, wieso die Menschen, die gerade noch so überschwänglich waren und nicht genug bekommen konnten von seinen Schleckereien ihn nun ganz alleine vor der Tür ließen. Also wimmerte und jaulte er und so ließ ich ihn doch ins Schlafzimmer. Und nach noch nicht einmal 10 Minuten hatte ich ihn in das Futonbett gehoben und er rollte sich seelig am Fußende zusammen und schlief ein.

Am nächsten Tag musste dann erst einmal ein Großeinkauf für den welpen gemacht werden, denn ich hatte ja weder Leine noch Nahrung daheim. Alle waren gerade zu verzückt von dem kleinen Fellknäuel und so wurde er schnell im Familien- und Freundeskreis akzeptiert. Nach nur wenigen Tagen war er stubenrein und bereitete mir zumindest diesbezüglich keinen Ärger.

Dafür dann in anderen Dingen. Er war noch nicht einmal 1 Jahr alt, da hatte er schon seinen ersten Unfall mit einem Auto. Unverschuldet, wie ich an dieser Stelle anmerken möchte. Klein Babyhund an der Lin, Frauchen voll beladen und plötzlich stürmen zwei Dobermänner über die Straße, Baby erschrickt, springt nach hinten, Halsband über den Kopf und *peng* Stoßstange trifft auf Hundekind. Bis auf einen Kratzer blieb nur der Schreck und die Erkenntnis, dass Halsbänder kacke sind.  Ein anderes Mal, schon wesentlich später, buddelte er im Schnee und hinterließ blutige Abdrücke darin. Erst nach Stunden fanden wir mit Hilfe der Tierärztin heraus, dass er sich eine Kralle gebrochen hatte, welche gezogen werden musste.
Noch viel später hatte er dann seine große OP wegen seines Darmproblems und nur zwei Jahre später wurden im 14 Zähne gezogen, weil er fast verhungert wäre… Was dieses Tier schon beim Tierarzt war…

Auch alleine sein mochte der kleine Kerl noch nie. Mal buddelte er mir die Topfpflanzen komplett aus, ein anderes Mal fraß er ein Lan-Kabel (die Dinger, die man früher brauchte, als W-Lan noch nicht so populär war) oder auch Bücher waren sehr beliebt. Dabei aber natürlich nur Frauchens Lieblingsschmöcker, Hund weiß ja, was gut ist 😉 Ein anderes Mal kam ich nach Hause und bekam von der Nachbarin die Info, dass die Polizei bei mir gewesen war, weil ich die Balkontür vergessen hatte zu schließen und der Hund auf dem Balkontisch ein Jaulkonzert für die gesamte Nachbarschaft geliefert hatte und man Angst gehabt hatte, er würde sich in den Tod stürzen. Konzerte geben (und Mülleimer ausräumen) waren schon immer seine Spezialitäten.

Bevor ich die Kinder hatte, war der kleine Kerl eigentlich immer und überall dabei. In der Gaststätte hatte er  seinen eigenen Stammplatz, beim Airbrushen seine persönliche Kraulerin. In der Jugendarbeit waren immer alle Kids scharf darauf, wann Balou mal wieder mitkäme, bei Singstar-Abenden wunderte man sich, dass er nicht in das Gejaule der „Sänger“ einstieg und auf Partys jeglicher Art war er ein gern gesehener Gast.

Dann kam das erste Kind und der kleine Hund mit der riesen Klappe beschützte den Kinderwagen vor jeglichen besoffenen oder auffälligen Leuten genauso, wie schon zuvor sein Frauchen: mit vollem Einsatz von Kläff- und Schnapppower. Nicht umsonst nannte ich ihn Balou, großer Hund in kleinem Körper. Mein Beschützer. Nie hat er eines der Kinder gezwickt oder ihnen das Spielzeug weggenommen.

Inzwischen ist mein Baby alt geworden. Dieses Jahr ist es mir immer mehr aufgefallen, dass er alt geworden ist. Fahrrad fahren ist nicht mehr wirklich das, was er gerne macht, denn er hat an Kondition und Schnelligkeit arg eingebüßt. Das Fell wird grauer und die Augen trüben sich langsam aber sicher immer mehr ein (das hat auch die Tierärztin festgestellt). Nicht nur, dass er durch die OP dieses Jahr Zähne lassen musste, nein, er verliert auch so ab und an mal einen. Wo er vor Jahren noch aus dem Stand auf einen Barhocker (ungelogen, dafür gibt es Zeugen) gesprungen ist, hat er heute teilweise Schwierigkeiten ohne größeres Tamtam auf die Couch zu kommen. Ach sein ‚im-Handstand-Pipi-machen‘ ist nicht mehr so stark ausgeprägt wie damals. Betrug die Handstandrate im letzten Jahr noch 95%, so sind es in diesem Jahr gerade noch 60% bei denen er nicht nur das eine Hinterbein, sondern beide Beine hebt um dann Kopfüber seine Markierung zu setzten.

Er kommt nicht mehr überall mit hin, schon alleine, weil es unfair wäre, ihn am Spielplatz draußen anzubinden. Doch er möchte das glaube ich auch gar nicht mehr. Er scheint zufrieden zu sein, wenn er sein Gassi erledigt hat und sich dann auf irgendeiner Kinderjacke/ Hose/ Decke zusammenrollen kann. Manchmal animiert er die Kinder noch zum Spielen, doch es wird weniger. Damals nannte man ihn „ADHS-Hund“, von dieser Quirligkeit ist heute kaum mehr etwas übrig und man möchte meinen, er sei schon immer ein ruhiges und ausgeglichenes Tier gewesen.

Gestern sagte der Schatz noch zu mir „Wenn es mit dem zu Ende geht, dann können wir uns auf was gefasst machen!“ und meinte das auf die Trauer der Kinder bezogen. Doch ich möchte mich mit solchen Themen noch nicht befassen, denn obwohl er nun Alterserscheinungen hat, bestehe ich auf die 15-Jahre-Marke, die man einem Mischling seiner Größer (Minimum!!!) nachsagt!
Und überhaupt, wie soll denn das gehen, dass mein Weggefährte, der so viel von meinem Erlebten erträglicher gemacht hat (weil ich in sein Struppelfell heulen durfte, während er mir die Hand abgeleckt hat, wie um mich zu trösten) plötzlich geht? Jetzt, wo das Schlimmste überstanden scheint?!

Und so möchte ich meinem Hundekind hier und jetzt zu seinem 10 Geburtstag gratulieren!
♥ Happy Birthday, Buschibie! ♥Wir lieben dich und sind froh, dass du zu uns gehörst, wenn auch es nicht immer einfach ist!

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Ein Gedanke zu “Hundekind

  1. Gott, ich musste grad so viel schmunzeln, so viele Geschichten von ihm kenne ich, so viel erlebt, so viel gesehen und wie du sagst: immer ein willkommener Gast! Happy Birthday, Balou!

    PS: Du solltest nicht immer mit freunden Haustiere aussuchen gehen…ich denek da an mein Kaninchendrama *drop*

Mäh mal wieder

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