Und dann…

Damals, vor unendlich langer Zeit, während meiner Ausbildung, hatte ich mich zu einen Kurs zum Thema „Suchtprävention“ eingetragen. Hauptsächlich, weil meine damals beste Freundin ein Jahr weiter war als ich und nicht aus dem Schwärmen für die Dozentin heraus kam und zum anderen, weil mich das Thema tatsächlich immens interessierte.

Naja, die Dozentin erwies sich als schrullige, liebenswerte aber auch sehr kompetente Persönlichkeit und die theoretischen Ansätze waren auch nicht unbedingt die Schlechtesten. Und auch, wenn ich nicht unbedingt die herausragendste Schülerin war, so konnte ich dem Kurs doch eine Menge Informationen entnehmen (und das trotz meiner Lernmethodik).
Unter anderem musste ich einen Vortrag über Coabhängigkeit halten, der mich damals schon ein wenig an der Menschheit zweifeln ließ. Letztens saß ich dann einer Bekannten gegenüber und stellte einen blauen Fleck an ihrem Arm fest, der an Intensität und Größe schon echt herausragend war. Natürlich versuchte sie sich mit einer Lüge à la Fahrradunfall heraus zu reden, doch nach einem Blick meiner Seits revidierte sie ihre Aussage sofort und erklärte mir, dass sie eine Bierflasche abwehren musste, die ihr im vollen Fluge entgegen kam. Leer, wie sie schnell betonte. Und es war ja auch ihre Schuld, denn sie hätte ihren Mann ja nicht so zu reizen brauchen, wie sie schnell  sagte.
Im ersten Moment war ich geschockt, im nächsten Moment wusste ich nicht was ich sagen sollte und dann auf einmal wollte ich ganz viel und alles gleichzeitig sagen. Pädagogisch gesehen habe ich halbwegs ordentlich agiert, subtil betrachtet würde ich liebend gerne so viel mehr tun, was aber nicht ohne ihr Zutun funktioniert.

Ich fühle mich so hilflos und das kotzt mich tierisch an. Ich möchte sie ja auch nicht belagern oder noch mehr unter Druck setzen, aber ich kann es auch nicht einfach so stehen lassen. Seit dem ich davon weiß (und von den anderen Dingen, die bei ihr zu Hause  laufen), höre ich ihr zu und versuche ihr wenigstens dadurch zu helfen, denn es tut ihr tut, sich nach all den Jahren mal jemanden anzuvertrauen. Doch natürlich bekommt sie bei eben diesen Gelegenheiten immer wieder irgendwelche Hilfsangebote (fein säuberlich aus dem Internet recherchierte Einrichtungen etc.).

Damals in der Schule hörte sich das alles so weit weg an und ich dachte noch, dass ich da ganz toll reagieren werde. Und dann steht jemand den du kennst vor dir und alles ist ganz anders und du verstehst gar nichts mehr.
Ich möchte sie anschreien, sie schütteln um ihr klar zu machen, das eben NICHT sie die Schuld trägt. Ich möchte ihr so vieles sagen, sie da raus holen und ihr zeigen, dass sie auch anders könnte, wenn sie wollte. Statt dessen sitze ich da, halte ihre Hand, tröste sie, spreche ihr Mut zu und lege ihr Ausdrucke hin. Mehr kann ich nicht tun.

Ich darf es nicht so nah an mich heran lassen und darf mir nicht zu sehr den Kopf zerbrechen, doch was wäre ich für ein Mensch, wenn mich das alles kalt ließe?!

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6 Gedanken zu “Und dann…

  1. Das ist so schrecklich…aber du machst das prima, mehr kannst du wohl vorerst leider nicht tun…herrjeh, ich wüsste gar nicht, was ich in der Situation machen sollte…

  2. Vera schreibt:

    Ich verstehe deinen Zwiespalt. Leider kann man niemanden zu seinem Glück zwingen.
    Wenn sie sich weiterhin dir anvertraut machst du sicher alles richtig. Es hilft ihr bestimmt schon, dass du für sie die Schulter zum Anlehnen bist.

    Und wer weiss, vielleicht hat sie eines Tages das Selbstvertrauen/ die Einsicht.

  3. Hallo Mandy,

    das machst du wirklich toll, vor allem dass du deiner Freundin ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen gibst. Für deine Freundin ist die Situation auch alles andere als leicht und es ist ihr bestimmt schon eine sehr große Hilfe, dass du für sie da bist. Als es mir bewusst wurde, dass ich in einer psychische Co-Abhängigkeit stecke habe ich auch echt lange gebraucht bis mir bewusst wurde, was es überhaupt bedeutet… Ich habe viel in Foren gelesen und immer wenn jemand erzählt hat, was er schon wieder hat mit sich machen lassen dachte ich „oh mann ist die Person blind, taub und doof? Wie kann sie nur?“ Und dann irgendwann kam es an: nichts anderes habe ich gemacht… Nur ganz langsam werden mir einzelne Situationen bewusst und meine Freunde sind mir eine große Hilfe, dass sie immer und immer wieder sagen dass es nicht meine Schuld ist – bis man es irgendwann selbst glauben kann.

    Liebe Grüße
    Daniela

    • Die Theorie ist wie gesagt vorhanden, aber es ist so schrecklich, wie schrecklich hilflos man ist.
      Man will ja helfen und man weiß, welche Bedingungen herrschen müssen etc, aber man würde so gerne so viel mehr machen.

Mäh mal wieder

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