Abschied

„Soll, soll ich nicht… Na eigentlich… Aber uneigentlich… Habe ich eine Chance? Wohl eher nicht… Aber warum eigentlich sollte ausgerechnet ich keine Chance haben…“ Gedanken, mit denen ich mich knapp ein halbes Jahr lang herum schlug. Ich dachte über einen Wechsel der Arbeitsstelle nach und war hin und hergerissen zwischen dem was da war und dem, was da eventuell auf mich zukommen möge.
Es gab einige Faktoren, die gegen eine Bewerbung sprachen, wie zum Beispiel das Wissen darum, dass es in anderen Betrieben auch nicht alles so läuft, wie ich es mir wünschen würde und natürlich die Lieblingskollegen, mit denen ich dann ganz unweigerlich nicht mehr zusammen arbeiten würde, genauso wie die lieben Kleinen, die ich mit all ihren Ecken und Kanten stark ins Herz geschlossen hatte. Dennoch, die Argumente, die für eine Bewerbung sprachen hatten ganz klar die meisten Punkten und auch die Lieblingskollegen, zumindest die, die ich in meine Überlegungen einbezogen hatte, bedrängten mich immer mehr. So gab ich am letzten Tag der Bewerbungsfrist meine Bewerbung dann doch ab und quälte mich nun mit meinem Gewissen und meiner Loyalität.

Nach vier Wochen kam dann eine Einladung zum Casting. So etwas veranstaltet man nämlich heut zu Tage ganz gerne, um potenzielle Mitarbeiter schon im Vorfeld abzuschrecken kennenzulernen. Voller Überraschung schaute ich auf die Mail und haderte nun mit mir. der Termin wäre, natürlich, an einem Tag, an dem ich Arbeiten müsste. Ausgesprochen unpraktisch, wenn man dem Vorgesetzten nicht sagen möchte, dass man sich beworben hat, weil man sich ja selbst noch gar nicht so darüber im klaren ist, dass das verschicken der Bewerbung schon so etwas wie eine Entscheidung zum Gehen ist. Da es für mich absolut gar nicht in Frage kam an diesem Tag krank zu machen, blieb mir nur die Nachfrage ob ich Überstunden abbauen dürfte an diesem Tag oder gar nicht zum Casting zu gehen. Nun kam aber Dr. prof. Zufall um die Ecke und bescherte mir einen freien Tag, da die Kita just an diesem Tag geschlossen hatte und mich mein Chef netterweise deshalb freistellte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dennoch, denn es fehlte ja ein Teil der Wahrheit.

Die Vorbereitungen überließ ich, wie es bei mir so üblich ist, den letzten 10 Minuten vor Abfahrt, denn das sind meist die kreativsten, und war ansonsten doch recht entspannt. Vor Ort traf ich dann noch einen anderen Kollegen und so verging die Wartezeit eigentlich recht schnell. Genau wie das Casting an sich, denn meine vorgegebenen 5 Minuten Redezeit hatte ich nicht ganz ausgeschöpft, da ich dann vor all den Zuhörern und Angesicht der Tatsache, das die einen anderen Ablauf wollten als ich ihn mir zurecht gelegt hatte, einfach die Hälfte von meinen tollen Erzieherqualitäten vergessen hatte zu erwähnen. Auch die 3 Minuten Fragezeit, die die Castingleute an mich hätten richten können,wurden nicht genutzt. Als ich also nach 5 Minuten aus dem Saal herauskam, war ich überzeugt: Das haste verkackt!

Vollkommen entspannt konnte ich nun den Rest des Tages mit den Kids genießen und ärgerte mich wirklich nur ein klitzekleines bisschen, war aber auf der anderen Seite total froh darüber, dass ich mein Vorhaben nicht so breitgetreten hatte. Zwei Tage später  hatte ich dann Homeoffice, weil geführte Sprachtests digitalisiert werden wollten und dies nur an meinem Heimcomputer möglich war und plötzlich bekam ich die Email, dass ich mich bitte bei Frau XY von der Personalstelle melden sollte. Ehe ich es mich versah saß ich 2 Stunden in einer anderen Schule, hörte mir das Konzept an, würde herum geführt und erzählte von mir und meinen bisherigen Erfahrungen. Alles ganz locker und entspannt bei einer Tasse Kaffee im schuleigenen Gemüsegarten. Dies sollte mein neuer Arbeitsplatz werden, so denn ich mir das vorstellen könnte.

Der nächste Tag war hart für mich, denn ich musste mit meinem Chef sprechen und im berichten, das ich nach den Ferien nicht zurück kommen würde. Es fiel mir nicht sonderlich leicht, denn ich mochte meinen Chef und er tat mir sehr, sehr leid, als er mich ungläubig anschaute und offensichtlich sehr überrascht war. Wir sprachen eine ganze Weile und ich erklärte meine Beweggründe, obwohl ich dies gar nicht gewusst hätte, doch es schien mir wichtig und er war, im Nachhinein, auch dankbar über das Gespräch, so eine seiner Vertrauten.

Die letzten zwei Wochen vor den Ferien standen nun an und ich hatte soviel für meine Klasse geplant um mich vernünftig zu verabschieden und es den Kiddies nicht allzu schwer zu machen. Und dann wurde ich krank und durfte nicht zur Arbeit. Natürlich ließ ich mir den letzten Tag nicht nehmen und ging dann doch, allerdings nach Absprache mit dem Chef, in meine Klasse, ansteckend war ich ja nicht mehr. Ich verteilte meine individuell beschrifteten Bilderrahmen an die Kids, das Kooperationszeugnis an meine Klassenlehrerin und verabschiedete mich nun noch einmal ganz offiziell bei meinen Kindern. Ich schaffte es ohne weinen, aber nur ganz knapp.

Dann fuhr ich nach Hause und packte die letzten Kleinigkeiten in die Koffer. Es waren noch 2 Tage bis zum Urlaub und ich hatte einen riesigen Stein auf Herz, Seele und Magen. Was würde nun werden?!

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3 Gedanken zu “Abschied

  1. Du hast so lange darüber nachgedacht und manchmal reicht das einfach nicht. Es wird schon seine Gründe haben, dass es so super und schnell mit der neuen Stelle dann geklappt hat! Ich drücke dir ganz fest die Daumen für diese Veränderung!

  2. Oh Mann. Ich kann das absolut nachvollziehen. Fast genauso gestalteten sich meine letzten beiden Monate. Nur dass mein Chef von meiner Bewerbung unweigerlich erfuhr, als ich ein Zwischenzeugnis brauchte… Hach, es fiel mir wahnsinnig schwer zu kündigen. Eben weil das Team so unsagbar klasse ist.
    Und was soll ich sagen… obwohl schon lange alles in Sack und Tüten war, hat mich ein Satz von meinem Chef vier Tage vorm letzten Tag so völlig aus der Fassung gebracht. “Wenn du nicht gehen willst, musst du nicht gehen.”

    Nach vielem Abwägen in beide Richtungen bin ich tatsächlich im letzten Moment doch geblieben – und megaglücklich!

    Ich weiß, dass es total schwer ist, etwas Neues anzufangen. Deswegen drücke ich dir ganz fest die Daumen, dass es so läuft, wie du es dir erhoffst!

    Liebe Grüße
    Katja

Mäh mal wieder

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