Hobbypsychoanalytiker

Heute hatten alle Kollegen meiner Arbeit einen Seminartag zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation nach M. B. Rosenberg“ und wie das oft so ist im Leben einer Erzieherin, spielen Rollenspiele und psychischer Striptease eine große Rolle, wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen. Manchmal frage ich mich, ob das in anderen Berufen auch so? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Maler/ Rohrverleger/ Friseur erst einmal seinen Gemütszustand und seine persönliche Einstellung breit treten muss, bevor er/sie eine neue Technik bekommt) Heute saß ich neben einer Kollegin, mit der ich ein sehr… na sagen wir mal „professionelles“ Verhältnis habe. Sie weiß, bis auf meinen Namen und alles was  meine Arbeit an der Arbeitsstelle betrifft, eigentlich gar nichts über mich. Vielleicht gehe ich später auf die Gründe dafür ein, vielleicht auch nicht, mal sehen, wie sich der Post entwickelt 😉 
Auf meiner anderen Seite saß eine Lieblingskollegin, aber wie das Schicksal nun einmal so spielt, „durfte“ ich die Partnerübung mit der anderen Dame machen. Zum kurzen Verständnis: die Übung bestand darin, die Hand des Gegenübers 3 Minuten lang so zu betrachten als würde man zum ersten Mal eine menschliche Hand sehen, ohne etwas zu sagen. Wer wollte, sollte die Hand ruhig berühren, darüber streichen… eben alles, was man so tut, wenn man etwas zum allerersten Mal sieht und die Funktion dessen versucht heraus zu bekommen. Natürlich musste der Mensch, der an der Hand dran hängt seine Zustimmung zur Berührung geben. Tat ich aber nicht, denn zum einen mochte ich es noch nie, wenn andere mich berühren und zum anderen mag ich die Person nicht sonderlich und wollte deshalb erst recht nicht von ihr betatscht werden.

Nach der Übung, als wir wieder sprechen durften, fragte sie mich auch direkt, wieso sie meine Hand nicht anfassen durfte. Also erklärte ich ihr freundlich, dass ich generell nicht gerne von Leuten angefasst werde, zu denen ich keinen persönlichen Bezug habe und das es eben eine Weile braucht, bevor man dieses „Privileg“ erhält. Was damit zu tun hat, dass ohnehin ich nicht so schnell Menschen in meinen persönlichen Raum lasse. Da fragt die gute Frau mich doch tatsächlich, ob ich als Kind missbraucht worden bin?! Die Lieblingskollegin schaute schockiert erst mich und dann ungläubig sie an, doch die Kollegin ignorierte es gekonnt und ließ sich auch nicht von meinem offenen Mund irritieren. Sie erklärte mir ganz hochtrabend, dass dies eine Störung sei und dies ja hauptsächlich bei missbrauchten Menschen zu beobachten wäre und ich deshalb mal in mich spüren sollte, ob ich nicht unterbewusst etwas VERDRÄNGEN würde und so weiter. Als ich langsam meine Sprache und meine Mitte wieder gefunden hatte (Entspannungspädagogin sei dank), vertraute ich ihr an, dass ich gerade das Gefühl, ihr eine reinziehen zu wollen unterdrücken würde und dies keine versteckten Aggressionen, sondern ganz offene seinen und rein gar nichts mit irgendwelchen Traumata zu tun hätten. Naja, ich erspare euch den gesamten Dialog, der da noch folgte.

Dennoch bin ich sehr entsetzt. Wie kann man denn bitte so unsensibel sein?! Gehe ich jetzt mal vom Schlimmsten aus und diese Person hätte eben dieses Szenario mit einer Frau gehabt, die tatsächlich so etwas schlimmes durch machen musste, möchte ich mir nicht vorstellen wie die Situation weiter gegangen wäre.
Immerhin entschuldigte sie sich nach wenigen Minuten bei mir und gab zu, dass das vielleicht nicht ganz so geschickt gewesen war, haute aber gleich das nächste Ding raus, indem sie sagte, dass ein Missbrauch aber auch meine stets sarkastische Art und meine Ernsthaftigkeit erklären würde.  Ähm… ja…

Ich hätte versuchen können, ihr zu erklären, dass es einfach Menschen gibt, die ihre eigene Taktiken und Charaktereigenschaften entwickelt haben, um mit Menschen, die sie nicht leiden können umzugehen. Ich hätte ihr auch etwas darüber erzählen können, wie der Umgang mit andern Menschen und gemachte Erfahrungen zur Formung eines Charakters und seinen Eigenschaften (wie Beispielsweise Umgang mit Ärger oder Humor) beiträgt. Tat ich aber nicht.

Ständig passiert so etwas in der Gesellschaft. Ständig werden wir in Schubladen gepackt, weil wir uns so oder so verhalten. Kinder, welche sensibel sind, werden zur Heulsuse degradiert und Kinder, die noch richtig Kind sind ganz schnell hyperaktiv, wenn sie im Unterricht einmal kippeln und in der Pause um den Tisch flitzen.
Die eine ist eine Helikoptermama, weil sie auf dem Spielplatz neben ihrem Kind an der Rutsche steht; die Mutti auf der Bank, die ihr Kind alleine schaukeln lässt, ist verantwortungslos und faul; Frauen die ihren Mann stehen sind Mannsweiber; Hausfrauen sind arbeitsscheue Muttchen. Männer, die ihre Frauen unterstützen sind Waschlappen und jene, die gar nichts machen sind Machos.. Natürlich gibt es 1000 Beispiele, über  Ethik und Herkunft möchte ich gar nicht erst anfangen nachzudenken.

Das gehört zum Mensch sein dazu, das weiß ich und natürlich nehme ich mich nicht raus. Auch ich habe Schubläden, wo ich Menschen einsortiere. Das fängt bei der Sympathiefrage an und endet… Eigentlich nie.
Die Kunst ist doch dahinter, immer wieder zu hinterfragen ob das Bild noch stimmt und ob von mir erdachte Vermutungen sich bestätigen (oder eben nicht).  Aber doch bitte nicht so unsensibel, plump und anmaßend!

Quintessenz des heutigen Tages:
Die Kollegin ist mir nicht sympathischer geworden und hat heute so ziemlich alle, irgendwann einmal vorhandenen, Chancen darauf vertan. Empfand ich sie vor dem heutigen Tag schon als doof, ist sie heute in die Kategorie „Toastbrot“ gefallen und ich schäme mich dafür, sie als Kollegin (was ja zwangsweise bedeutet, dass sie mit kleinen Menschen arbeitet) bezeichnen zu müssen.

 

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Mäh mal wieder

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