Nicht aufgegeben

Es war ein großer Schock für mich, als plötzlich Mahnungen, Zahlungsaufforderungen vom Inkassodiensten und Pfändungen in gelbe Briefumschlägen in meinem Briefkasten landeten. Ich war gerade mitten in meiner Ausbildung, kämpfte um jeden Cent, da ich keine Chance auf staatliche Unterstützung hatte ( O-Ton: „Es gibt 3 Möglichkeiten, wie sie Anspruch haben 1. sie werden Schwanger. 2. sie stehen mit einem Bein im Knast oder 3. sie haben ein Drogenproblem“) und durfte mich noch so ganz nebenbei mit meiner toxischen Partnerschaft quälen. Von den Gläubigern hatte ich noch nie eine Leistung entgegen genommen, fand allerdings sehr schnell raus, wer es wann gewesen ist, der mich in die Scheiße geritten hat. Lange, viel zu lange, versuchte ich alles wieder in den Griff zu bekommen, zahlte mit meinem Geld, welches ich aus Babysitten, Honorartätigkeiten und Jobs bei einem Catering zusammen sparte, den einen oder anderen Betrag ab. Ich versuchte DIE Person zur Verantwortung zu ziehen, glaubte DIESER Person viel zu bereitwillig, dass sich um alles gekümmert wird.
Ich war leichtgläubig, genoss DIESE Person doch all mein Vertrauen und würde mich doch im Leben nicht so hängen lassen, oder!?
Es begann ein Kampf.
Ein Kampf, in dem ich das Gefühl hatte, nicht stark genug zu sein. Teilweise schaffte ich mehrere Tage nicht mehr aus dem Bett heraus, weinte nur noch und war bereit den dunklen Gedanken Platz zu geben. Viel Platz.
Meine Ausbildungsleitung beorderte mich im dritten Semester in die Schule und setzte mir die Pistole auf die Brust: entweder ich ziehe es jetzt vernünftig durch, oder ich müsste gehen. Natürlich kannte sie keine Einzelheiten, ich hatte nur gesagt, ich hätte private Probleme. Das es inzwischen nur noch wenige Treppenstufen bis zum Dach waren, dass sagte ich ihr natürlich nicht (Ich glaube, ich hatte nur einer Person damals meine Überlegungen bezüglich des Freitodes erzählt (Danke Sari ❤).
Dann kam der nächste Schock. Die toxische Beziehung hatte mir schon lange keine Post mehr ausgehändigt und so hatte ich keine Ahnung, dass sich DIE Person um rein gr nichts gekümmert hatte, und es nur noch mehr gelbe Briefe gab. Außerdem hatte die toxische Beziehung wohl vergessen mir zu sagen, dass wir die fristlose Kündigung für die Wohnung bekommen hatten, weil er irgendwie seinen Teil der Miete seit über einem halben Jahr „versehentlich“ mit seinem Bruder verknifft hat. Dementsprechend verdattert schaute ich den Vermieter an, als er vor der Wohnungstür stand und mich fragte, ob warum ich noch nichts gepackt hatte. „Ich habe doch gar nicht vor zu verreisen?!“ und sackte mitten im Hausflur bitterlichst weinend zusammen, als er mich darüber informierte, dass übermorgen die gerichtliche Räumung stattfände. Der arme Kerl war ein wenig überfordert, da er nicht erwartet hätte, dass ich nicht Bescheid weiß. Er sagte, ich solle jetzt ganz schnell eine Wohnung suchen und da ich meinen Anteil ja immer pünktlich gezahlt hatte, würde er mir auch eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung ausstellen.
Heute kaum vorstellbar, aber ich fand wirklich innerhalb von 24 Stunden eine kleine Wohnung, konnte mit Hilfe von Freunden das wichtigste zusammenklauben und zog nach 38 Stunden dort ein.
Ich dümpelte zwischen den Jobs, der Ausbildung und dem Schlafsofa hin und her, ignorierte geflissentlich die sich stapelnde Post. Nein, ich denke nicht, dass das besonders schlau gewesen ist, aber ich hatte soviel damit zu tun am Leben zu bleiben, dass ich mich nicht auch noch damit befassen konnte. Die Illusion, dass DIE Person alles wieder begradigt, hatte ich schon längst aufgegeben, schloss einen Fitnessvertrag ab, damit ich zumindest warm duschen konnte (durch eine Pfändung war das Gas fürs warme Wasser und den Herd abgestellt) und schaffte es letztlich dank der Hilfe eines Freundes (Danke Dennis ❤) doch noch meine Facharbeit zu erledigen.
Ich war fertig mit der Ausbildung, durfte arbeiten und das Geld, was nicht vom P-Konto gefressen wurde irgendwie in die Gläubiger pumpen.
Dann kam die Schwangerschaft und die Erkenntnis, dass man für Schulden ins Gefängnis gehen kann, wodurch dann wohl auch mein Beruf futsch wäre, traf mich wie eine Bombe. Also setzte ich mich hin, sortierte drei volle Umzugskartons, voll mit zum Teil noch verschlossener Post, mit dem besten Freund und meinem Schatz bis in die Morgenstunden nach Absender, und weinte mir vor Mutlosigkeit, Ärger und Sorge die Augen aus dem Kopf. Ich übergab die nun sortierten Umzugskartons einem Anwalt mit Schwerpunkt Privatinsolvenz und es fühlte sich an, als ob ich ihm damit auch den dunklen Teil meines Lebens übergeben hätte. Ich schwebte förmlich aus der Kanzlei, im Arm meine Kinder und an der Seite den Schatz, der mich bei den Kosten für den Anwalt unterstützte. Einfach so.

Es ging aufwärts.

Damals speicherte ich mir in meinem Googlekalender das weit entfernt scheinende Datum des Tages, an dem meine Schufa bereinigt sein würde. Der Tag, an dem alles vorbei wäre.

Und heute, da teilte mir mein Telefon mit, dass der Tag X ist. Einfach so, morgens um 9 Uhr (ein bisschen früh zum feiern, was habe ich mir nur dabei gedacht?!).

Mein Leben hat sich erheblich verändert, DIE Person ist kein Teil mehr davon, obwohl ich ab und zu noch immer ab und zu einen Gedanken an das WIESO und WIE KANN MAN NUR SO SEIN habe. Der Hass ist weg, geblieben ist Gleichgültigkeit und die Erfahrung. Natürlich hat es mich geprägt, mein Verhältnis zu Geld und Ratenkäufen beeinflusst die Vergangenheit noch heute und wird es immer tun.

Wieso schreibt man so öffentlich darüber, dass man eine Privatinsolvenz gemacht hat? Sollte man nicht lieber die Klappe halten und sich schämen? Nein!
Schulden machen Menschen krank. Sie treiben dich in die Verzweiflung, lassen dich nicht mehr aus dem Bett. Sie lassen dich weinen, und rauben dir die Kraft und den Lebenswillen. Manch einer überdeckt seinen Kummer mit Drogen oder Alkohol. Es ist eine Spirale, die dich immer tiefer führt. Du willst die Post nicht mehr öffnen, verpasst dadurch wichtige Dinge/ Fristen. Plötzlich kommst du nicht mehr an dein Geld, dadurch wird dir der Strom gesperrt, dein Handy. Du wirst isoliert. Du möchtest nicht darüber reden, denn es ist so peinlich. Durch das gesperrte Konto gehen Rechnungen nicht mehr ab, es entstehen neue Schulden. Die Lohnpfändung, vielleicht die Kündigung vom Vermieter und dem Arbeitgeber. Depressionen und/oder Sucht haben leichtes Spiel. Du kämpfst und gibst vielleicht auf, weil der Gegner zu groß ist.
Manch einer hat es sich allein eingebrockt. Ich nicht. Ich hatte eine sehr große Starthilfe in Form DIESER Person, die mir mal eben weit über 10000€ beschert hat und sich einen Dreck darum gekümmert hat, mich zu unterstützen alles wieder in gerade Bahnen zu lenken. Ich wurde Monate lang belogen und verarscht, obwohl ich fast täglich heulend um Behebung bettelte. Diese Person hat einen Scheiß darauf gegeben, ob ich meine Wohnung, meine Ausbildung oder gar mein Leben verliere. (Danke dafür)
Ich habe einen Teil abbezahlt, sowohl vor, als auch während der Insolvenz. Ich habe nicht aufgegeben, obwohl es schwer war und es soviel leichtere Wege gegeben hätte.

Gebt nicht! Macht weiter! Sucht euch professionelle Hilfe! Es lohnt sich!

2 Gedanken zu “Nicht aufgegeben

  1. Vera schreibt:

    Sprachlos. Könnte heulen vor Glück!
    Ich bin stolz auf dich. Bin tief gerührt von deiner Kraft, deinem Mut dies hier zu schreiben.
    Ich bin stolz darauf dich zu kennen, euch lieben zu dürfen 😘

    Is doch sch…egal wie spät es ist, feier dich! Hast du dir verdient.

Mäh mal wieder

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